Fischerei ist älter als Städte, Staaten und geschriebene Gesetze. Für Millionen Menschen liefert sie Nahrung, Einkommen und kulturelle Identität. Doch moderne Fangflotten, globale Lieferketten und eine stetig wachsende Nachfrage haben aus einer lokalen Nutzung vielerorts ein industrielles System gemacht, dessen Auswirkungen weit über den entnommenen Fisch hinausreichen.
Nachhaltige Fischerei bedeutet deshalb nicht einfach, „weniger“ zu fangen. Sie muss den Fang so begrenzen, dass sich Bestände erneuern können, unbeabsichtigte Fänge minimieren, empfindliche Lebensräume schützen und Regeln tatsächlich durchsetzen. Gleichzeitig muss sie Menschen berücksichtigen, die vom Meer leben – von kleinen Küstenbetrieben bis zu Beschäftigten in Verarbeitung und Handel.
Ein kleines Boot ist nicht automatisch nachhaltig, ein großes Schiff nicht automatisch zerstörerisch. Auch ein bekanntes Siegel ersetzt keine Prüfung von Art, Bestand, Fanggebiet und Fangmethode. Entscheidend ist immer die konkrete Fischerei: Was wird gefangen, wie viel, mit welchem Gerät, in welchem Ökosystem und unter welcher Kontrolle?
Wie viel Fang verträgt ein Bestand?
Fischbestände sind keine festen Vorräte. Sie verändern sich durch Nachwuchs, Wachstum, natürliche Sterblichkeit, Wanderungen, Temperatur und Nahrungsangebot. Wissenschaftliche Bestandsbewertungen versuchen, aus Fangdaten, Forschungsfahrten und biologischen Proben abzuleiten, wie groß ein Bestand ist und wie stark er genutzt werden kann.
Dabei muss zwischen zwei Begriffen unterschieden werden: Überfischung beschreibt einen aktuell zu hohen Fangdruck. Überfischt bedeutet, dass die Population bereits unter einen festgelegten biologischen Schwellenwert gefallen ist. Ein Bestand kann also noch klein sein, obwohl der gegenwärtige Fangdruck bereits gesenkt wurde.
Fangquoten orientieren sich häufig am Konzept des maximalen nachhaltigen Dauerertrags. Es soll ermöglichen, langfristig möglichst viel zu entnehmen, ohne die Reproduktionsfähigkeit zu gefährden. In der Praxis ist dieser Wert jedoch keine exakte Zahl: Datenlücken, Klimaveränderungen und Wechselwirkungen im Nahrungsnetz erzeugen Unsicherheit.
Nachhaltiges Management braucht deshalb Sicherheitsabstände. Je unsicherer die Daten, desto vorsichtiger müssen Fanggrenzen gesetzt werden. Eine Quote ist nur dann wirksam, wenn Fänge vollständig gemeldet, Kontrollen durchgeführt und Verstöße sanktioniert werden.
„Nachhaltig ist eine Fischerei nicht dann, wenn sie heute noch Fang liefert – sondern wenn sie auch morgen Bestände, Lebensräume und menschliche Existenzen tragen kann.“
Was im Netz landet, obwohl es niemand wollte
Eine Fischerei kann ihren Zielbestand schonend nutzen und trotzdem erheblichen Schaden verursachen. Als Beifang gelten Tiere, die unbeabsichtigt gefangen werden: untermaßige Fische, andere Arten, Haie, Rochen, Meeresschildkröten, Seevögel oder Meeressäuger.
Das Problem hängt stark vom Fanggerät, vom Ort, von der Jahreszeit und von der Arbeitsweise ab. Langleinen können Vögel und Schildkröten fangen, Stellnetze Meeressäuger, unspezifische Schleppnetze zahlreiche Bodenarten. Technische Änderungen wie größere Maschen, Fluchtfenster, anders geformte Haken, akustische Warngeräte oder beleuchtete Netze können Beifang senken – aber selten vollständig verhindern.
Fanggerät wirkt auch unterhalb des Fangs
Grundschleppnetze berühren den Meeresboden. In bereits häufig befischten Sand- oder Schlickgebieten können die Folgen anders ausfallen als in langsam wachsenden Kaltwasserkorallen, Schwammfeldern oder Seegraswiesen. Deshalb reicht es nicht, nur Fangmengen zu betrachten. Nachhaltigkeit muss auch die räumliche Empfindlichkeit des Lebensraums einbeziehen.
Entscheidend ist die Kombination: selektives Fanggerät, geschlossene Gebiete, zeitliche Sperren, Beobachter oder elektronische Überwachung und ein Management, das neue Erkenntnisse tatsächlich in Regeln übersetzt.
Der globale Zustand:
Fortschritte und ein ernstes Defizit
Die bislang detaillierteste globale FAO-Bewertung von Meeresfischbeständen zeigt ein gemischtes Bild. Ein großer Teil der weltweiten Anlandungen stammt aus Beständen, die innerhalb biologisch nachhaltiger Grenzen bewirtschaftet werden. Gleichzeitig ist mehr als jeder dritte bewertete Bestand überfischt.
Dieser scheinbare Widerspruch entsteht, weil große, produktive und gut gemanagte Fischereien einen erheblichen Anteil der Fangmenge liefern. Eine gewichtete Betrachtung nach Produktionsmenge fällt deshalb günstiger aus als eine reine Zählung aller Bestände.
Besonders wichtig ist der regionale Unterschied. Wo wissenschaftliche Daten, klare Regeln, Kontrolle und langfristige Institutionen vorhanden sind, erreichen Fischereien deutlich bessere Ergebnisse. Fehlendes Management ist keine Naturkonstante, sondern eine politische und wirtschaftliche Schwäche.
Nachhaltigkeit ist damit nachweislich erreichbar – aber nicht automatisch. Erholte Bestände bleiben nur stabil, wenn Fangdruck, Umweltveränderungen und wirtschaftliche Anreize weiterhin beobachtet werden.
Drei Säulen einer glaubwürdigen Fischerei
Eine einzelne gute Kennzahl reicht nicht aus. Nachhaltigkeit entsteht erst, wenn biologische, ökologische und gesellschaftliche Anforderungen zusammenpassen.
Biologisch tragfähig
Der Zielbestand muss ausreichend groß bleiben, Nachwuchs hervorbringen und auf Umweltveränderungen reagieren können. Fangdruck und Entnahme müssen wissenschaftlich begrenzt werden.
Ökosystemverträglich
Beifang, Bodenkontakt, Nahrungsketten und empfindliche Lebensräume gehören in die Bewertung. Eine gesunde Zielart allein macht noch keine nachhaltige Fischerei.
Kontrollierbar und fair
Regeln müssen transparent, überprüfbar und durchsetzbar sein. Arbeitsbedingungen, Zugang kleiner Küstenfischereien und faire Verteilung der Ressourcen gehören ebenfalls dazu.
Was Verbraucher wirklich prüfen können
Die Aussage „Fisch ist gesund“ oder „dieses Produkt trägt ein Siegel“ beantwortet noch nicht, ob der konkrete Fang ökologisch vertretbar war.
Art, Fanggebiet und Methode zusammen betrachten
Dieselbe Fischart kann aus einem stabilen oder einem geschwächten Bestand stammen. Auch Ringwade, Schleppnetz, Langleine, Stellnetz, Reuse und Angel haben sehr unterschiedliche Nebenwirkungen.
Siegel als Hinweis, nicht als Endpunkt nutzen
Zertifizierungen können Standards, Kontrollen und Rückverfolgbarkeit verbessern. Sie setzen jedoch unterschiedliche Schwerpunkte und können umstrittene Fischereien unterschiedlich bewerten.
Weniger, bewusster und vollständig verwerten
Selbst ein gut gemanagter Bestand ist keine unbegrenzte Ressource. Ein geringerer Konsum, abwechslungsreiche Artenwahl und die Nutzung des ganzen Tieres reduzieren den Druck auf wenige besonders gefragte Arten.
Neue Regeln treffen auf
eine weiterhin ungleiche Realität
WTO-Abkommen gegen schädliche Subventionen
Im September 2025 trat das WTO-Abkommen über Fischereisubventionen in Kraft. Es verbietet bestimmte staatliche Unterstützungen für illegale, ungemeldete und unregulierte Fischerei sowie für den Fang überfischter Bestände.
Bis Mai 2026 hatten 119 WTO-Mitglieder das Abkommen formell angenommen. Der Schritt ist historisch, beseitigt aber nicht alle problematischen Förderungen. Weitere Verhandlungen über Subventionen, die Überkapazitäten und Überfischung begünstigen, bleiben entscheidend.
Mittelmeer: messbare Erholung, aber kein Entwarnungssignal
Die FAO berichtete Ende 2025, dass der Fischereidruck im Mittelmeer und Schwarzen Meer innerhalb eines Jahrzehnts ungefähr halbiert wurde und mehrere wichtige Bestände Anzeichen der Erholung zeigen.
Trotzdem galten noch 52 Prozent der bewerteten Bestände als überfischt. Das Beispiel zeigt beides: Konsequentes Management kann wirken – die biologische Erholung benötigt jedoch Zeit und darf nicht durch zu frühe Lockerungen gefährdet werden.
Der Fang ohne Herkunft
Illegale, ungemeldete und unregulierte Fischerei untergräbt selbst gute Fangquoten. Wer ohne Lizenz fischt, Mengen falsch meldet, Schutzgebiete verletzt oder Fänge auf See umlädt und verschleiert, entzieht sich wissenschaftlicher Planung und fairer Konkurrenz.
Globale Lieferketten machen die Kontrolle schwierig. Ein Fisch kann gefangen, auf See umgeladen, in einem zweiten Staat verarbeitet und über einen dritten Markt verkauft werden. Ohne lückenlose Dokumentation verliert sich die Herkunft zwischen Schiff und Ladentheke.
Satellitendaten, elektronische Fangbücher, Kameras an Bord und digitale Rückverfolgbarkeit verbessern die Kontrolle. Technik allein reicht jedoch nicht. Schiffe können Ortungssysteme abschalten, Identitäten wechseln oder in Staaten mit schwacher Aufsicht registriert werden.
Nachhaltige Fischerei braucht deshalb Hafenstaatkontrollen, internationale Zusammenarbeit, transparente Eigentumsstrukturen und wirksame Sanktionen. Rückverfolgbarkeit ist kein Marketingdetail, sondern die Grundlage dafür, dass eine ökologische Behauptung überhaupt überprüft werden kann.
Nachhaltigkeit ist auch eine Frage von Macht
Fischereipolitik verteilt nicht nur Fangmengen, sondern Zugänge. Wer erhält Quoten, Küstenrechte, Subventionen und Marktzugang? Große Flotten können effizient und kontrolliert arbeiten, verfügen aber oft über mehr politischen Einfluss, Kapital und technische Reichweite als kleine Betriebe.
Kleine Küstenfischereien sind ebenfalls nicht automatisch umweltverträglich. Viele einzelne Boote können zusammen erheblichen Druck erzeugen, besonders wenn Daten und Kontrollen fehlen. Dennoch spielen sie für lokale Ernährung, Beschäftigung und kulturelle Kontinuität eine wichtige Rolle.
Glaubwürdige Nachhaltigkeit berücksichtigt deshalb sowohl ökologische Grenzen als auch soziale Bedingungen: sichere Arbeit, faire Bezahlung, Beteiligung lokaler Gemeinschaften und Schutz vor Verdrängung durch industrielle Nutzung.
Regional ist nicht automatisch nachhaltig
Kurze Lieferwege können Transparenz und lokale Wertschöpfung verbessern. Sie sagen jedoch nichts darüber aus, ob ein Bestand gesund ist, das Fanggerät selektiv arbeitet oder Schutzgebiete eingehalten werden. Herkunft ist wichtig – aber nie das einzige Kriterium.
Wenn Bestände ihre Grenzen verschieben
Erwärmung, Sauerstoffverlust und veränderte Strömungen verschieben Lebensräume vieler Fischarten. Bestände wandern über nationale Grenzen, Laichzeiten verändern sich und frühere Fanggebiete verlieren an Produktivität.
Ein Management, das nur historische Daten fortschreibt, kann dadurch zu spät reagieren. Fangquoten müssen schneller angepasst, grenzüberschreitend abgestimmt und mit Klima- sowie Ökosystemdaten verbunden werden.
Auch der Energieverbrauch der Fischerei gehört in die Bilanz. Fanggeräte, Fahrstrecken, Kühlung und Bestandsdichte beeinflussen den Kraftstoffbedarf erheblich. Ein stark dezimierter Bestand kann mehr Suchaufwand und damit höhere Emissionen verursachen.
Klimafeste Fischerei bedeutet deshalb nicht nur weniger Emissionen. Sie braucht robuste Bestände, vielfältige Ökosysteme und Regeln, die auf Wanderungen und ökologische Veränderungen reagieren können, bevor Konflikte und Übernutzung entstehen.
Bewegliche Bestände, starre Grenzen
Klimabedingte Wanderungen machen internationale Abstimmung zu einer zentralen Voraussetzung nachhaltiger Fischerei.
Wissenschaftliche Grundlage
Redaktionell ausgewertet wurden insbesondere die globale FAO-Bestandsbewertung von 2025, die FAO-Auswertung zur Fischerei im Mittelmeer und Schwarzen Meer von 2025, Grundlagen der ökosystembasierten Fischereibewirtschaftung und Beifangvermeidung von NOAA, die Gemeinsame Fischereipolitik und der Europäische Ozeanpakt sowie der Umsetzungsstand des WTO-Abkommens über Fischereisubventionen im Jahr 2026.