FischLex
Wissenschaftlerin untersucht tiefgekühlte Fischproben auf Arzneimittelrückstände aus deutschen Flüssen
Umweltschutz

Die Nebenwirkung im Fluss – wie Medikamente das Verhalten von Fischen verändern

Schmerzmittel, Hormone, Antibiotika und Psychopharmaka gelangen über das Abwasser in Flüsse und Seen. Dort treffen biologisch aktive Wirkstoffe auf Tiere, für die sie niemals bestimmt waren. Der Artikel erklärt, warum bereits geringe Dauerkonzentrationen relevant sein können, wie Medikamente Fortpflanzung, Organe und Wanderverhalten von Fischen beeinflussen und was die neue vierte Reinigungsstufe leisten soll.

Unsichtbar, verdünnt und trotzdem biologisch aktiv

Ein Medikament wird entwickelt, um bereits in geringer Dosis zu wirken. Genau diese Eigenschaft wird zum Umweltproblem, wenn der Wirkstoff dauerhaft in ein Gewässer gelangt.

Eine Tablette wird geschluckt. Der Wirkstoff gelangt ins Blut, erfüllt seinen medizinischen Zweck und wird anschließend teilweise unverändert oder als Abbauprodukt ausgeschieden.

Über Toilette und Kanalisation erreicht er eine Kläranlage. Dort werden Schmutz, Nährstoffe und Krankheitserreger entfernt – aber nicht automatisch jedes Molekül eines Arzneimittels.

Der verbliebene Rest gelangt mit dem gereinigten Abwasser in einen Bach oder Fluss. Die Konzentration ist meist sehr gering. Der Eintrag erfolgt jedoch jeden Tag.

Für einen Fisch ist ein Psychopharmakon kein Medikament. Es ist ein biologisch aktiver Fremdstoff in seinem Lebensraum.

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Keine gewöhnlichen Industriechemikalien

Arzneimittel wurden gezielt entwickelt, um biologische Systeme zu verändern

Schmerzmittel hemmen Entzündungsprozesse, Betablocker verändern die Wirkung von Stresshormonen und Psychopharmaka greifen in die Signalübertragung des Nervensystems ein. Diese Wirkmechanismen sind nicht ausschließlich beim Menschen vorhanden.

Fische besitzen Hormone, Botenstoffe, Enzyme und Rezeptoren, die teilweise mit denen anderer Wirbeltiere vergleichbar sind. Ein Wirkstoff kann deshalb auch bei einer nicht vorgesehenen Art eine Reaktion auslösen.

Schmerzmittel

Organe und Stoffwechsel

Diclofenac kann bei Fischen unter anderem Niere, Leber und Kiemen belasten.

Hormone

Fortpflanzung

Synthetische Östrogene können die Geschlechtsentwicklung und Fruchtbarkeit beeinflussen.

Psychopharmaka

Verhalten

Beruhigungs- und Antidepressivawirkstoffe können Aktivität, Sozialverhalten und Risikobereitschaft verändern.

Antibiotika

Mikroorganismen

Sie können Algen und Bakterien beeinflussen und die Selektion resistenter Keime fördern.

Dosis richtig einordnen

Unterhalb einer therapeutischen Dosis bedeutet nicht automatisch wirkungslos

Umweltkonzentrationen liegen meist deutlich unter der Dosis eines Arzneimittels für Patienten. Fische sind den Rückständen jedoch teilweise ihr gesamtes Leben ausgesetzt. Außerdem wirken Stoffgemische, Temperatur, Sauerstoffmangel und andere Belastungen gleichzeitig.

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Von der Anwendung bis zum Gewässer

Der größte Eintrag entsteht nach der bestimmungsgemäßen Einnahme

Unsachgemäß über Toilette oder Spüle entsorgte Medikamente sind vermeidbare Einträge. Der mengenmäßig bedeutendere Weg entsteht jedoch häufig durch die normale Anwendung: Wirkstoffe und Stoffwechselprodukte werden ausgeschieden und gelangen ins Abwasser.

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Einnahme

Ein Arzneimittel wird von Mensch oder Tier angewendet.

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Ausscheidung

Wirkstoff und Abbauprodukte verlassen den Körper.

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Kläranlage

Ein Teil wird entfernt, umgewandelt oder an Klärschlamm gebunden.

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Gewässer

Verbleibende Rückstände gelangen mit dem Ablauf in den Fluss.

Humanarzneimittel erreichen Gewässer hauptsächlich über kommunales Abwasser. Tierarzneimittel können zusätzlich über Gülle, Mist, Weideflächen, Aquakultur und Abschwemmung in Böden und Oberflächenwasser gelangen.

Warum die klassische Kläranlage nicht genügt

Die biologische Reinigung wurde nicht für Tausende Mikroschadstoffe gebaut

  1. 01Leicht abbaubare Wirkstoffe werden teilweise biologisch zerlegt.
  2. 02Andere Verbindungen passieren die Anlage nahezu unverändert.
  3. 03Manche Stoffe werden nur in neue Abbauprodukte umgewandelt.
  4. 04An Klärschlamm gebundene Stoffe sind aus dem Wasser entfernt, aber noch nicht zerstört.

Wie stark ein Fluss belastet wird, hängt deshalb nicht nur vom Verbrauch eines Medikaments ab. Entscheidend sind Einwohnerzahl, Abwasseranteil, Verdünnung, Jahreszeit, Abbauverhalten und technische Ausstattung der Kläranlage.

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Vier Wirkstoffgruppen, vier unterschiedliche Risiken

Medikamente können Organe, Hormone und Verhalten beeinflussen

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Diclofenac

Schäden an Niere, Leber und Kiemen

Das entzündungshemmende Schmerzmittel wird regelmäßig in Gewässern gefunden. Versuche mit Forellen zeigen Veränderungen empfindlicher Organe.

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Ethinylestradiol

Störung der Fortpflanzung

Das synthetische Östrogen kann bei männlichen Fischen weibliche Merkmale auslösen und die Fortpflanzungsfähigkeit ganzer Populationen verringern.

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Clobazam und ähnliche Stoffe

Veränderte Entscheidungen

Psychoaktive Wirkstoffe können Angstreaktionen, Schwarmverhalten, Aktivität und Wanderbewegungen beeinflussen.

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Antibiotika

Resistenzen und Nahrungsketten

Rückstände können empfindliche Mikroorganismen schädigen und einen Selektionsdruck zugunsten resistenter Bakterien erzeugen.

5–6 Nanogramm pro Liter
Mehrjährige Freilandstudie

Eine extrem geringe Hormonkonzentration ließ eine Fischpopulation einbrechen

In einem kanadischen Versuch wurde ein See über mehrere Jahre mit Ethinylestradiol belastet. Männliche Dickkopfelritzen wurden stark verweiblicht, die Fortpflanzung brach ein und die Population kollabierte nahezu vollständig.

Solche Ergebnisse dürfen nicht auf jedes Medikament und jedes Gewässer übertragen werden. Sie zeigen jedoch, dass die Wirkung eines Stoffes nicht allein anhand seiner geringen Masse beurteilt werden kann.

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Ein Beruhigungsmittel verändert eine natürliche Wanderung

Was 730 junge Lachse über unsichtbare Verhaltensänderungen verraten

Eine 2025 in der Fachzeitschrift Science veröffentlichte Studie verband Laborversuche mit mehrjährigen Felduntersuchungen an Atlantischen Lachsen.

Feldstudie 2025

Clobazam gelangte ins Gehirn und veränderte den Weg zum Meer

730untersuchte Atlantische Lachse
2Wasserkraftdämme auf der Wanderroute
mehrbehandelte Fische erreichten das Meer

Mit Clobazam belastete Tiere passierten zwei Wasserkraftanlagen schneller als Kontrollfische. Im Labor zeigten sich zugleich Veränderungen des Schwarmverhaltens.

Warum „mehr Fische erreichten das Meer“ keine positive Nebenwirkung beweist

Eine schnellere Wanderung kann kurzfristig günstig erscheinen. Wird sie jedoch durch eine chemisch veränderte Angstreaktion oder geringere Schwarmbindung ausgelöst, können an anderer Stelle Risiken entstehen – etwa durch schlechtere Feindvermeidung, unpassendes Timing oder veränderte soziale Entscheidungen.

Ökologisch bedeutsam ist nicht nur, ob ein Tier stirbt. Bereits eine geringe Verschiebung von Wanderzeit, Partnerwahl, Nahrungssuche oder Risikoverhalten kann beeinflussen, welche Tiere überleben und sich fortpflanzen.

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Eine Wasserprobe ist nur eine Momentaufnahme

Fische und Schwebstoffe speichern Informationen über längere Zeiträume

Arzneimittel werden häufig in Wasserproben gemessen. Bei stark schwankendem Abfluss oder nur zeitweise auftretenden Einträgen kann eine einzelne Probe die tatsächliche Belastung jedoch verfehlen.

Wasser

Der aktuelle Zustand

Zeigt, welche Stoffe zum Zeitpunkt der Probenahme gelöst vorhanden sind.

Schwebstoffe

Gebundene Rückstände

Können Stoffe sammeln und längerfristige Verbrauchs- oder Eintragstrends abbilden.

Fischgewebe

Biologische Aufnahme

Zeigt, welche Stoffe einen Organismus tatsächlich erreichen und sich anreichern.

Wirkungstests

Gesamte Mischung

Erfassen biologische Effekte auch dann, wenn nicht jeder Einzelstoff bekannt ist.

Deutsche Umweltprobenbank

Sieben Wirkstoffe und zehn Abbauprodukte in Flussfischen

In Brassen und weiteren Fischproben wurden unter anderem Schmerzmittel, ein Blutverdünner und ein Herzmedikament nachgewiesen. Die Belastung nahm tendenziell mit dem Abwasseranteil des Gewässers zu.

Eine zusätzliche Schwierigkeit sind Mischungen. Ein Fisch ist nicht nur einem Wirkstoff ausgesetzt, sondern einer wechselnden Kombination aus Arzneimitteln, Pestiziden, Industriechemikalien und natürlichen Stressfaktoren.

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Von der Tablette bis zur vierten Reinigungsstufe

Gewässerschutz muss die gesamte Lebensdauer eines Medikaments betrachten

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Einträge vermeiden

Arzneimittel bedarfsgerecht verordnen, Packungsgrößen anpassen und unnötige Vorräte reduzieren.

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Richtig entsorgen

Alte Medikamente niemals über Toilette oder Spüle entsorgen, sondern den regional vorgesehenen Entsorgungsweg nutzen.

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Umweltverträglicher entwickeln

Wirkstoffe sollen nach ihrer medizinischen Wirkung möglichst schnell in unschädliche Produkte zerfallen.

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Hotspots getrennt behandeln

Krankenhäuser, Produktionsstandorte und Pflegeeinrichtungen können besonders relevante Abwasserströme erzeugen.

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Kläranlagen erweitern

Ozonung, Aktivkohle und andere Verfahren können zahlreiche Mikroschadstoffe deutlich verringern.

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Wirkungen überwachen

Wasseranalytik, Fischproben und biologische Tests müssen gemeinsam eingesetzt werden.

Neue EU-Kommunalabwasserrichtlinie

Die vierte Reinigungsstufe wird schrittweise zum europäischen Standard

Seit Januar 2025 verlangt die überarbeitete Richtlinie eine weitergehende Behandlung von Mikroschadstoffen in relevanten Kläranlagen. Pharma- und Kosmetikhersteller sollen über eine erweiterte Herstellerverantwortung einen wesentlichen Teil der Kosten tragen.

Abwasser biologische Reinigung Ozon oder Aktivkohle weniger Mikroschadstoffe

Auch eine moderne vierte Reinigungsstufe entfernt nicht automatisch jeden Stoff vollständig. Je nach Verfahren können unterschiedliche Wirkstoffe zurückgehalten, zerstört oder in neue Transformationsprodukte umgewandelt werden.

Niemals über Toilette oder Spüle

So werden alte Medikamente in Deutschland richtig entsorgt

Der korrekte Weg unterscheidet sich regional. Häufig gehören Arzneimittel in den Restmüll, sofern dieser verbrannt wird. Andere Kommunen nutzen Schadstoffmobile, Wertstoffhöfe oder freiwillige Rücknahmen durch Apotheken. Verbindliche Auskunft bietet die örtliche Abfallberatung.

Fazit

Ein sauberer Fluss darf nicht zum letzten Behandlungsschritt unserer Medikamente werden.

Arzneimittel sind unverzichtbar. Ihre medizinische Bedeutung steht nicht im Widerspruch zum Gewässerschutz. Entscheidend ist, ihre Umweltwirkung bereits bei Entwicklung, Zulassung, Anwendung und Entsorgung mitzudenken.

Besonders problematisch ist nicht nur eine hohe einmalige Konzentration. Es ist der kontinuierliche Strom biologisch aktiver Stoffe, der Fische und andere Wasserorganismen über lange Zeiträume erreicht.

Technische Reinigung wird einen wichtigen Teil der Belastung verringern. Dauerhaft lösen lässt sich das Problem jedoch nur, wenn weniger problematische Wirkstoffe in das Abwasser gelangen und unvermeidbare Rückstände möglichst nah an ihrer Quelle behandelt werden.

Häufige Fragen

Medikamente im Wasser verständlich erklärt

Sind Arzneimittelrückstände im Trinkwasser gefährlich?

Die im Trinkwasser gemessenen Konzentrationen liegen in der Regel weit unter therapeutischen Dosen. Gewässerschutz bleibt dennoch wichtig, weil Umweltorganismen dauerhaft und direkt im belasteten Wasser leben.

Entfernen Kläranlagen Medikamente vollständig?

Nein. Der Rückhalt unterscheidet sich stark zwischen den Wirkstoffen und dem verwendeten Verfahren. Einige werden gut abgebaut, andere passieren konventionelle Anlagen weitgehend.

Ist die falsche Entsorgung die wichtigste Quelle?

Sie ist vermeidbar, aber nicht die einzige Quelle. Ein großer Teil gelangt nach der normalen Einnahme über menschliche Ausscheidungen ins Abwasser.

Warum reagieren Fische auf menschliche Medikamente?

Viele biologische Signalwege, Hormone und Rezeptoren sind bei Wirbeltieren ähnlich. Ein Wirkstoff kann deshalb auch im Fisch an einen passenden Angriffspunkt binden.

Macht die vierte Reinigungsstufe das Wasser vollständig sauber?

Sie kann zahlreiche Mikroschadstoffe stark reduzieren, entfernt aber nicht jeden Stoff gleich gut. Vermeidung und Quellenkontrolle bleiben notwendig.

Wissenschaftliche Grundlagen · Stand Juli 2026

Umweltbundesamt: Arzneimittelrückstände und Umweltwirkungen · Science 2025: Clobazam und Lachswanderung · Europäische Kommission: überarbeitete Kommunalabwasserrichtlinie.

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