Für Menschen erscheint das Meer oft ruhig. Für seine Bewohner ist es eine vielschichtige Geräuschlandschaft aus Strömungen, Brandung, knisternden Krebsen, rufenden Fischen und vorbeiziehenden Schiffen.
Ein Kabeljau grunzt. Ein Schellfisch klopft. Ein Knurrhahn erzeugt vibrierende Laute, während andere Fische ihre Schwimmblase wie einen Resonanzkörper nutzen.
Manche Rufe markieren ein Revier. Andere locken einen Partner an, koordinieren einen Schwarm oder warnen vor Gefahr. Selbst Arten, die keine eigenen Laute erzeugen, nutzen die Geräusche ihrer Umgebung.
Das akustische Bild eines Riffs kann Jungfischen Hinweise darauf geben, wo sich ein geeigneter Lebensraum befindet. Das Geräusch einer Beute kann einen Räuber anlocken. Plötzliche Veränderungen können auf einen Feind oder ein Hindernis hinweisen.
Unter Wasser ist Schall nicht nur Kommunikation. Er ist ein Informationssystem über die gesamte Umgebung.
Biologische Stimmen, Wetter und Bewegung
Das Meer besitzt eine eigene akustische Landschaft
Forschende sprechen von einer Soundscape: der Summe aller Geräusche, die an einem Ort und zu einer bestimmten Zeit auftreten. Sie besteht aus drei großen Gruppen.
Geräusche von Lebewesen
Fischrufe, Walgesänge, Delfinklicks, das Knacken von Krebsen und Geräusche anderer Meerestiere.
Geräusche der Umwelt
Wellen, Regen, Eisbewegung, Strömungen, Erdbeben und andere physikalische Prozesse.
Vom Menschen erzeugter Schall
Schiffe, Sonar, Rammarbeiten, Sprengungen, Dredging, seismische Untersuchungen und Industrieanlagen.
Die Geräuschlandschaft verändert sich mit Tageszeit, Jahreszeit und Lebenszyklus der Tiere. Während einer Fortpflanzungsperiode können einzelne Fischarten über Stunden gemeinsame Chöre bilden.
Mehr als 18 gemeinsame Jahre lang lauschten Hydrophone Fischchören
Aufnahmen aus drei kalifornischen Meeresschutzgebieten zeigten deutliche räumliche, saisonale und nächtliche Muster. Verschiedene Arten nutzten teilweise unterschiedliche Frequenzen und Zeiträume, sodass ihre Rufe sich weniger stark überlagerten.
Von den mehr als 34.000 im Meer lebenden Fischarten konnten bislang nur ungefähr 1.000 Arten eindeutig mit bekannten Lautäußerungen verbunden werden. Ein großer Teil der akustischen Fischwelt ist daher noch unerforscht.
Kein Außenohr, aber ein hochentwickeltes Sinnessystem
Fische hören anders als Menschen
Fische besitzen keine sichtbaren Ohrmuscheln. Im Inneren ihres Kopfes liegen jedoch paarige Innenohren mit kleinen Kalkkörpern, den Otolithen.
Der Körper eines Fisches bewegt sich bei einer Schallwelle weitgehend mit dem umgebenden Wasser. Die dichteren Otolithen reagieren träger. Diese relative Bewegung reizt Sinneszellen und wird vom Nervensystem ausgewertet.
Teilchenbewegung
Die Schallwelle bewegt Wasserteilchen vor und zurück. Für die meisten Fischarten ist diese Bewegung der grundlegende akustische Reiz.
Schalldruck
Arten mit einer geeigneten Verbindung zwischen Schwimmblase und Innenohr können zusätzlich Druckschwankungen besonders empfindlich wahrnehmen.
Seitenlinienorgan
Das Seitenlinienorgan registriert vor allem lokale Wasserbewegungen und Vibrationen in unmittelbarer Nähe des Körpers.
Ein Hydrophon allein beschreibt nicht immer das, was ein Fisch wahrnimmt
Klassische Hydrophone messen hauptsächlich den Schalldruck. Viele Fische reagieren jedoch besonders auf Teilchenbewegungen. Moderne Untersuchungen ergänzen Hydrophone deshalb zunehmend durch Beschleunigungs- oder Bewegungssensoren.
Auch die Hörbereiche unterscheiden sich erheblich. Viele dokumentierte Fischlaute liegen im niedrigen Frequenzbereich bis ungefähr zwei Kilohertz. Einige Arten nehmen jedoch deutlich höhere Frequenzen wahr als andere.
Unterwasser- und Luftschall verwenden unterschiedliche Referenzdrücke. Zusätzlich beeinflussen Entfernung, Frequenz, Messrichtung, Dauer und Teilchenbewegung die biologische Wirkung. Ein einfacher Dezibelvergleich führt deshalb häufig zu irreführenden Schlagzeilen.
Dauerndes Brummen und einzelne Schallschläge
Nicht jede Schallquelle belastet das Meer auf dieselbe Weise
Für die ökologische Bewertung wird häufig zwischen kontinuierlichem und impulsivem Schall unterschieden. Diese Trennung ist wichtig, weil beide Formen unterschiedliche Belastungsmuster erzeugen.
Eine dauerhafte akustische Grundbelastung
- Handels- und Kreuzfahrtschiffe
- Fischerei- und Freizeitboote
- Baggerschiffe und Dredging
- Betrieb von Industrieanlagen
- laufende Offshore-Windkraftanlagen
Kurze, häufig sehr intensive Schallereignisse
- Rammarbeiten für Fundamente
- seismische Druckluftkanonen
- Sprengungen und Munitionsräumung
- bestimmte aktive Sonarsysteme
- Unterwasserbauarbeiten
Bei Schiffen entsteht der Lärm vor allem am Propeller
Dreht sich ein Propeller unter ungünstigen Bedingungen, können sich Dampfblasen bilden und anschließend kollabieren. Diese Kavitation erzeugt breitbandigen Schall und kann durch beschädigte, verschmutzte oder schlecht angepasste Propeller verstärkt werden.
Die Wirkung hängt nicht nur davon ab, wie laut eine Quelle an ihrem Ausgangspunkt ist. Wassertiefe, Temperatur, Salzgehalt, Meeresboden und Schichtung bestimmen, wie weit und in welche Richtung sich der Schall ausbreitet.
Sechs Faktoren entscheiden über das tatsächliche Risiko
- 01Frequenz des Geräusches
- 02Dauer und Wiederholungsrate
- 03Entfernung zur Schallquelle
- 04betroffene Fischart und Lebensphase
- 05Ausbreitung im jeweiligen Gewässer
- 06ökologischer Kontext wie Laichzeit oder Wanderung
Vom überhörten Ruf bis zur Schädigung
Unterwasserlärm kann Fische auf mehreren Ebenen treffen
Die häufigste Wirkung ist nicht der unmittelbare Tod. Deutlich häufiger verändert Lärm die Menge oder Qualität der Informationen, die ein Fisch aus seiner Umgebung erhält.
Maskierung
Menschlicher Schall überdeckt Partner-, Beute- oder Warnsignale im selben Frequenzbereich.
Verhaltensänderung
Fische können ihre Schwimmrichtung, Tiefe, Schwarmdichte, Nahrungssuche oder Aktivität ändern.
Stressreaktion
Anhaltende Belastung kann Stoffwechsel, Hormonhaushalt und Energieverbrauch beeinflussen.
Verdrängung
Tiere verlassen möglicherweise Nahrungs-, Fortpflanzungs- oder Aufwuchsgebiete.
Temporäre Hörschwelle
Nach starker Belastung kann die Hörfähigkeit für eine begrenzte Zeit vermindert sein.
Physische Schädigung
Sehr intensive Schallereignisse in geringer Entfernung können Gewebe oder Hörorgane verletzen.
Zebrafische zeigten weniger Balz und Fortpflanzung
Die Tiere waren 14 Tage lang einem künstlichen Geräusch von 100 bis 1.000 Hertz ausgesetzt. Die Ergebnisse zeigen einen möglichen biologischen Mechanismus. Sie lassen sich jedoch nicht ohne Weiteres auf jede Fischart oder jede natürliche Geräuschsituation übertragen.
Entscheidend ist außerdem die kumulative Belastung. Ein Fisch, der gleichzeitig mit Erwärmung, Sauerstoffmangel, Nahrungsmangel und Lärm konfrontiert ist, kann empfindlicher reagieren als ein Tier in einem ansonsten stabilen Lebensraum.
Klimaschutz mit ökologischen Zielkonflikten
Offshore-Windkraft muss Bau- und Betriebsphase getrennt betrachten
Offshore-Windenergie reduziert langfristig den Bedarf an fossilen Energieträgern. Gleichzeitig entstehen bei Planung, Bau und Betrieb lokale Belastungen für das Meeresökosystem.
Kurze Phase mit sehr intensivem Schall
Das Einrammen großer Fundamente erzeugt wiederholte Impulse. Ohne Minderungsmaßnahmen kann der Schall über große Entfernungen messbar sein.
Längerer, aber meist deutlich schwächerer Schall
Turbinen und technische Anlagen übertragen Vibrationen über Fundament und Wasser. Die Wirkung hängt stark von Anlagentyp, Standort und Fischart ab.
Ein Windpark verändert mehr als die Geräuschkulisse
Fischereiausschluss, neue Hartsubstrate, Strömungsveränderungen und veränderte Nahrungsbedingungen können gleichzeitig wirken.
Heringsschwärme flohen während der Rammarbeiten nicht eindeutig
Untersuchungen an der niederländisch-belgischen Nordseeküste fanden keine klare Fluchtreaktion pelagischer Fischschwärme während des Rammens. Das bedeutet nicht, dass der Schall harmlos war.
Möglich sind andere Reaktionen wie dichteres Schwarmverhalten, Gewöhnung oder eine bereits verringerte Hörfähigkeit. Die konkrete Feldstudie war zum Zeitpunkt der Vorstellung noch nicht als eigenständige Fachpublikation veröffentlicht.
Das Beispiel zeigt, warum reine Fluchtbeobachtungen nicht genügen. Ein Tier kann in einem belasteten Gebiet verbleiben, obwohl seine Kommunikation, Orientierung oder Hörfähigkeit beeinträchtigt ist.
Lärm vermeiden, verringern und räumlich begrenzen
Ein leiseres Meer ist technisch möglich
Unterwasserlärm besitzt gegenüber vielen anderen Umweltproblemen einen Vorteil: Wird die Schallquelle abgeschaltet oder verbessert, endet ein großer Teil der Belastung unmittelbar.
Schall an der Quelle vermeiden
Leisere Technik, alternative Bauverfahren und optimierte Routen verhindern Lärm wirksamer als eine nachträgliche Abschirmung.
Ausbreitung verringern
Blasenschleier, Schallschutzmäntel und geeignete Fundamentverfahren können Rammgeräusche dämpfen.
Empfindliche Zeiten meiden
Bauarbeiten und intensive Aktivitäten sollten nicht mit Laich-, Wander- oder Aufwuchszeiten zusammenfallen.
Belastung überwachen
Hydrophone und Bewegungssensoren ermöglichen Echtzeitkontrollen und dokumentieren die kumulative Geräuschbelastung.
Langsamer und effizienter fahren
Eine angepasste Geschwindigkeit kann Kavitation, Unterwasserlärm, Treibstoffverbrauch und Emissionen gleichzeitig reduzieren.
Form, Wartung und Antrieb verbessern
Saubere Rümpfe, intakte Propeller und eine bessere Abstimmung zwischen Motor, Rumpf und Propeller verringern unnötige Vibrationen.
Alternative Gründungsverfahren nutzen
Vibrationsrammen, Bohren, schwimmende Fundamente oder andere Verfahren können impulsiven Schall reduzieren.
Akustische Ruhegebiete erhalten
Schutzgebiete sollten nicht nur ihre sichtbaren Lebensräume, sondern auch ihre natürliche Soundscape bewahren.
Mehrere Projekte gemeinsam bewerten
Einzelne Anlagen können Grenzwerte einhalten, während die Summe benachbarter Projekte dennoch dauerhaft belastet.
Artenbezogene Schwellen entwickeln
Fischarten unterscheiden sich so stark, dass pauschale Grenzwerte allein keinen ausreichenden Schutz bieten.
Fischarten unterscheiden sich so stark, dass pauschale Grenzwerte allein keinen ausreich
Die Belastung wird als Anteil des betroffenen Lebensraums bewertet
Die Werte sind keine allgemeingültigen Lautstärkegrenzen für jedes Meerestier. Sie verbinden artspezifische Wirkungsschwellen mit der räumlichen und zeitlichen Ausdehnung der Belastung.
Hydrophone können Lebensräume überwachen, ohne Tiere zu fangen
Unterwassermikrofone zeichnen Fischrufe, Schiffsgeräusche und natürliche Ereignisse über Monate oder Jahre auf. Spektrogramme machen Frequenz, Zeitpunkt und Intensität sichtbar.
Automatische Erkennung und künstliche Intelligenz helfen dabei, sehr große Aufnahmemengen nach Arten, Fischchören oder Störgeräuschen zu durchsuchen.
Meeresschutz bedeutet auch, Raum zum Hören zu bewahren.
Unterwasserlärm hinterlässt keine Plastikflasche und keinen sichtbaren Ölfilm. Trotzdem kann er einen Lebensraum verändern, indem er Informationen verdeckt, Verhalten verschiebt und empfindliche Tiere aus wichtigen Gebieten verdrängt.
Nicht jede Schallquelle ist automatisch schädlich. Nicht jeder Fisch reagiert gleich. Gerade deshalb müssen Frequenz, Dauer, Teilchenbewegung, Lebensphase und ökologische Bedeutung eines Ortes gemeinsam betrachtet werden.
Leisere Schiffe, schonendere Bauverfahren, zeitliche Schutzfenster und akustisches Monitoring können die Belastung deutlich reduzieren. Ein stilles Meer wäre unnatürlich. Ein Meer, in dem seine Bewohner noch gehört werden können, ist es nicht.
Unterwasserlärm verständlich erklärt
Können alle Fische hören?
Alle untersuchten Fischarten besitzen ein Innenohr und können Teilchenbewegungen wahrnehmen. Empfindlichkeit und Frequenzbereich unterscheiden sich jedoch deutlich.
Machen Fische selbst Geräusche?
Zahlreiche Arten erzeugen Klopf-, Grunz-, Summ- oder Knacklaute. Sie nutzen dafür unter anderem Schwimmblasenmuskeln, Knochen, Zähne oder Flossenstrahlen.
Ist jedes Schiff für Fische gefährlich?
Das Risiko hängt von Schiffstyp, Geschwindigkeit, Propeller, Entfernung, Gewässertiefe, Dauer und betroffener Art ab. Einzelne Vorbeifahrten sind anders zu bewerten als dauerhafter Verkehr.
Sind Offshore-Windparks schlecht für Fische?
Eine pauschale Antwort ist nicht möglich. Bauphase, Betrieb, Fischereiausschluss, neue Hartsubstrate und Strömungsveränderungen können unterschiedliche positive und negative Wirkungen erzeugen.
Kann man Unterwasserlärm vollständig verhindern?
Natürliche Geräusche gehören zum Meer. Menschlich verursachter Lärm lässt sich jedoch durch leisere Technik, bessere Planung und räumliche oder zeitliche Begrenzung erheblich reduzieren.
NOAA Fisheries: Ocean Noise und Sounds in the Ocean · Europäische Kommission: EU-Schwellenwerte für Unterwasserlärm · Aquaculture Reports 2025: Lärm und Fortpflanzung bei Zebrafischen · Universität Leiden 2026: Fischreaktionen an Offshore-Windparks.
