Süßwasserfische verschwinden meist leise. Es gibt keine kahlen Baumkronen und keine weithin sichtbaren Brandflächen. Ein Fluss kann äußerlich intakt wirken, obwohl seine ursprüngliche Fischwelt bereits weitgehend verloren gegangen ist.
Ein Fisch verschwindet selten an einem einzigen Tag. Zunächst wird sein Lebensraum kleiner. Dann fehlen geeignete Laichplätze. Einzelne Populationen werden durch Wehre voneinander getrennt und verlieren ihren genetischen Austausch.
Jahre später wird die Art nur noch an wenigen Stellen nachgewiesen. Schließlich bleibt ein Fluss zurück, in dem zwar noch Fische leben – aber nicht mehr jene Gemeinschaft, die dieses Gewässer ursprünglich geprägt hat.
Ein Fluss kann voller Wasser sein und trotzdem einen großen Teil seines Lebens verloren haben.
Die umfassendste Bewertung seit 15 Jahren
Fast sechs von zehn Arten geben Anlass zur Sorge
Für die neue Europäische Rote Liste untersuchten mehr als 135 Fachleute aus über 30 Ländern alle 558 heimischen Süßwasserfischarten Europas.
42 Prozent wurden als gefährdet, stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht eingestuft. Weitere 18 Prozent gelten als potenziell gefährdet. Damit befinden sich fast sechs von zehn Arten in einem Zustand erhöhter Schutzbedürftigkeit.
Der Gefährdungsstatus europäischer Süßwasserfische
Seit der vorherigen europäischen Bewertung im Jahr 2011 ist der Anteil bedrohter Arten um fünf Prozentpunkte gestiegen. Gleichzeitig fanden die Forschenden nur wenige Hinweise auf eine breite Erholung.
Diese Zahl bedeutet nicht, dass 42 Prozent aller einzelnen Fische unmittelbar verschwinden. Sie beschreibt das regionale Aussterberisiko der bewerteten Arten.
Wenn aus einem Fluss viele kleine Inseln werden
Die häufigste Gefahr ist der veränderte Lebensraum
Flüsse sind keine gleichförmigen Wasserleitungen. Ein natürlicher Fluss besteht aus tiefen Kolken, flachen Kiesbänken, ruhigen Uferbereichen, schnell strömenden Rinnen, Nebenarmen und saisonal überfluteten Auen.
Unterschiedliche Lebensphasen einer Fischart benötigen unterschiedliche Teile dieses Systems. Wird der Fluss begradigt, aufgestaut oder befestigt, bleiben möglicherweise Wasser und Fische erhalten – die notwendigen Funktionen des Lebensraums gehen jedoch verloren.
Mehr als zwei Drittel der Arten sind von baulichen Lebensraumveränderungen betroffen
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Staudämme und Wehre
Wanderwege und Populationen werden getrennt.
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Begradigung
Strömungsvielfalt und geschützte Bereiche gehen verloren.
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Uferverbau
Flachwasserzonen und natürliche Unterstände verschwinden.
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Wasserentnahme
Abfluss, Tiefe und Temperatur verändern sich.
Besonders kritisch ist die Summe vieler kleiner Eingriffe. Ein einzelnes Wehr, eine befestigte Uferstrecke oder eine Wasserentnahme erscheint lokal begrenzt. Innerhalb eines gesamten Einzugsgebiets können solche Veränderungen jedoch nahezu jeden erreichbaren Lebensraum beeinträchtigen.
Selten wirkt nur ein Problem allein
Viele Arten geraten gleichzeitig von mehreren Seiten unter Druck
Fischbestände brechen meist nicht aufgrund einer einzigen Ursache ein. Verschmutzung schwächt Tiere, während eine Barriere den Zugang zu besseren Lebensräumen verhindert. Steigende Temperaturen verschärfen gleichzeitig Sauerstoffmangel und Niedrigwasser.
Lebensraumveränderung
Staudämme, Wehre, Kanalisierung, Begradigung und veränderte Abflüsse.
Verschmutzung
Nährstoffe, Pestizide, industrielle Stoffe, Abwasser und belastete Sedimente.
Invasive Arten
Konkurrenz, Prädation, eingeschleppte Krankheiten und genetische Vermischung.
Klimawandel
Erwärmung, Trockenperioden, Extremhochwasser und veränderte jahreszeitliche Abflüsse.
Der Klimawandel betrifft aktuell einen geringeren Anteil der Arten als Lebensraumzerstörung oder Verschmutzung. Seine Bedeutung dürfte jedoch weiter wachsen – besonders in Südeuropa und in kleinen, quellgespeisten Gewässern.
Weniger Wasser + höhere Temperatur + fehlende Verbindung
Sinkt der Wasserstand, erwärmt sich ein kleiner Bach schneller.
+Warmes Wasser enthält weniger Sauerstoff.
+Ein Wehr verhindert die Flucht in kühlere Abschnitte.
Arten, die mehr als einen Ort benötigen
Wanderfische verlieren nicht nur Lebensraum, sondern ihren Weg
Rund 39 Prozent der wandernden europäischen Süßwasserfischarten weisen abnehmende Bestände auf. Bei nicht wandernden Arten liegt dieser Anteil bei ungefähr 14 Prozent.
Der Europäische Aal zeigt, wie weitreichend eine solche Abhängigkeit sein kann. Er wächst in europäischen Flüssen, Seen und Küstengewässern heran, wandert zur Fortpflanzung aber über den Atlantik.
Wehre, Turbinen, Pumpwerke, veränderte Strömungen, Lebensraumverlust, Schadstoffe, Krankheiten und Fischerei belasten verschiedene Phasen seines außergewöhnlichen Lebenszyklus.
Das Aussetzen gezüchteter oder gefangener Jungaale kann lokale Bestände erhöhen. Ob dadurch der gesamte natürliche Bestand langfristig gestärkt wird, bleibt wissenschaftlich umstritten.
Kleine Lebensräume mit einmaliger Artenvielfalt
Karstquellen und Mittelmeerbäche stehen besonders unter Druck
Europa besitzt viele Fischarten, die weltweit nur in einem einzigen Fluss, Quellsystem oder unterirdischen Karstgewässer vorkommen.
Solche Arten können nicht einfach in ein benachbartes Gewässer ausweichen. Wird ihr einziger Lebensraum verändert, ist unmittelbar die gesamte Art betroffen.
Karstgewässer
Mehr als 90 Prozent der dort lebenden Fischarten gelten als bedroht.
Süßwasserquellen
Quellarten reagieren besonders empfindlich auf Wasserentnahme und Temperaturveränderungen.
Zeitweise austrocknende Flüsse
Längere Trockenphasen unterbrechen Rückzugs- und Wiederbesiedlungswege.
Viele dieser besonders gefährdeten Gewässer liegen im Mittelmeerraum. Dort treffen eine hohe Zahl endemischer Arten, intensive Wassernutzung und zunehmende Trockenheit unmittelbar aufeinander.
Artenschutz beginnt mit funktionierenden Gewässern
Was Europas Süßwasserfischen tatsächlich helfen kann
Eine Rote Liste schützt noch keine Art. Sie zeigt jedoch, welche Arten zurückgehen, wo die Ursachen liegen und welche Maßnahmen besonders dringend sind.
Flüsse wieder verbinden
Funktionslose Wehre entfernen und notwendige Barrieren für Auf- und Abstieg passierbar machen.
Natürliche Strukturen zurückbringen
Kiesbänke, Totholz, Nebenarme, Auen und beschattete Ufer schaffen vielfältige Lebensräume.
Wasserentnahme begrenzen
Auch in Trockenzeiten müssen ausreichende ökologische Mindestabflüsse erhalten bleiben.
Verschmutzung an der Quelle stoppen
Nährstoffe, Pestizide, Schadstoffe und Abwasser dürfen nicht erst im Fluss behandelt werden.
Invasive Arten kontrollieren
Früherkennung, Transportkontrollen und wissenschaftlich begründetes Management sind wirksamer als späte Bekämpfung.
Unbekannte Arten besser erfassen
Regelmäßiges Monitoring verhindert, dass ein Rückgang erst bemerkt wird, wenn kaum noch Tiere vorhanden sind.
Flüsse sollen bis 2030 wieder in einen frei fließenden Zustand versetzt werden. Dazu müssen insbesondere entbehrliche Querbauwerke identifiziert und entfernt werden.
Dass Schutzmaßnahmen wirken können, zeigt unter anderem die positive Entwicklung des Perlfischs. Regional abgestimmte Schutzprogramme, bessere Daten und die Wiederherstellung geeigneter Lebensräume können Rückgänge umkehren.
Die Rote Liste ist keine Liste verlorener Arten.
Sie ist eine Warnung vor Verlusten, die noch verhindert werden können. Viele europäische Süßwasserfische leben weiterhin in ihren ursprünglichen Gewässern – jedoch in kleineren, voneinander getrennten und zunehmend belasteten Beständen.
Entscheidend ist nicht nur, einzelne seltene Arten zu retten. Flüsse, Seen und Quellen müssen wieder als vollständige Ökosysteme behandelt werden.
Wo Wasser frei fließen darf, Ufer wieder Raum erhalten und Schadstoffeinträge sinken, können sich Fischbestände erholen. Das stille Verschwinden ist kein Naturgesetz.
Die Europäische Rote Liste verständlich erklärt
Bedeutet „bedroht“, dass eine Art bald ausstirbt?
Nicht zwangsläufig. Die Einstufung zeigt ein erhöhtes regionales Aussterberisiko. Rechtzeitige Schutzmaßnahmen können den Rückgang stoppen oder umkehren.
Sind häufige Fischarten automatisch ungefährdet?
Nein. Eine Art kann noch weit verbreitet sein und gleichzeitig schnell abnehmen. Entscheidend sind Bestandsgröße, Entwicklung und Verteilung.
Warum sind kleine Flüsse so wichtig?
Nebenbäche und Quellgewässer dienen vielen Arten als Laichplatz, Kinderstube oder Rückzugsraum bei Hitze und Hochwasser.
Hilft das Aussetzen gezüchteter Fische?
Besatz kann in bestimmten Fällen unterstützen. Ohne geeigneten Lebensraum, passende Genetik und beseitigte Rückgangsursachen bleibt seine Wirkung jedoch begrenzt.
IUCN: Europäische Rote Liste der Süßwasserfische · Europäische Kommission: Nature Restoration Regulation · Publications Office of the European Union: European Red List of Freshwater Fishes
